Der kluge Baumeister, Ausgabe 3-2023

Die Zeit läuft ab - Ein Auszug aus der aktuellen Ausgabe

Georg Walter

"So wird es am Ende der Weltzeit sein: Die Engel werden ausgehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern."
Matthäus 13,49

Der schottische Prediger Samuel Rutherford (1600-1661) lebte ein außergewöhnliches Leben trotz der vielfältigen Verfolgungen um des Evangeliums willen, die er zu erleiden hatte. Schon als Kind hatte er ein Erlebnis der bewahrenden Kraft Gottes. Als 4-Jähriger stürzt er in die Tiefe des Dorfbrunnens. Seine Spielkameraden liefen entsetzt weg, um Hilfe zu holen. Als die Hilfe kurz darauf eintraf, saß der kleine Samuel völlig durchnässt in der Nähe des Brunnens. Erstaunt fragten die Erwachsenen ihn, wie er es aus dem Brunnen herausgeschafft habe, denn der Brunnen war sehr tief, und ohne Hilfe war es für den, der dort hinabstürzte, aussichtslos, sich selbst zu befreien. Der kleine Samuel sagte ihnen: „Ein schöner weißer Mann kam und holte mich aus dem Brunnen.“

Samuel bekehrte sich und wurde zu einem Verkündiger der Wahrheit des Evangeliums vom Reich Christi. Am Ende seines Lebens, als Samuel Rutherford 1661 im Sterben lag, wurde er gefragt: „Was denkst du jetzt über Christus?“ Er antwortete: „Ich werde leben und ihn anbeten. Ruhm, Ruhm meinem Schöpfer und Erlöser in Ewigkeit.“

Zwei seiner Biographen berichteten, dass seine letzten Worte „Herrlichkeit, Herrlichkeit wohnt im Lande Immanuels“ waren.

Einige Jahre zuvor hatte er an seinen Freund John Gordon geschrieben: „Mein rechtschaffener und lieber Bruder, vergeude nicht dein kleines Sandglas, denn es läuft sehr schnell ab; suche deinen Herrn zur rechten Zeit.“ Er lebte in dem Wissen, dass die Sanduhr des Lebens schnell ablief und dass alle Drangsal auch Segen beinhaltete. Von ihm stammen die Worte, dass Gott im Keller der Drangsal stets die besten Weine lagerte.

Diese Geschichte über Samuel Rutherford inspirierte die schottische Liederdichterin Anne Ross Cousin (1824-1906). Sie dichtete das Lied The Sands of Time are sinking – Die Zeit läuft ab. Bis auf die letzte enden alle Strophen des Liedes mit den Worten „Und Herrlichkeit, Herrlichkeit wohnt in Immanuels Land.“

Dieses Lied hinterließ später einen tiefen Eindruck im Leben des britischen Predigers Charles Spurgeon. Der Großvater des kleinen Charles versprach dem jungen Spurgeon einen Viertelpenny für jedes Kirchenlied, das er auswendig lernen würde. Auf diese Weise konnte sich Spurgeon ein beachtliches Taschengeld verdienen, denn er kannte fast alle Lieder von Isaac Watts und viele andere mehr auswendig.

In späteren Jahren verwendete Spurgeon viele Strophen der Lieder, die er als Kind auswendig gelernt hatte, um die Aussagen in seinen Predigten zu unterlegen. Auch das Lied The sands of time are sinking fand Raum in seinem Gedächtnis. Dieses Lied ließ Spurgeon bei seiner letzten Predigt in Frankreich anstimmen.

Beim Trauergottesdienst zur Beerdigung von Charles Spurgeon im Februar 1892 wurde dieses Lied als Erinnerung an seine letzten Stunden gesungen und zwar mit der 2. Strophe beginnend:

Des Königs heilig Glanz und Prangen, jetzt völlig unverhüllt im Licht, der Lebensreise Not vergangen, ob seinem leuchtend Angesicht. Das Lamm mit allen seinen Kindern auf Zions Berg beständig wohnt, und Herrlichkeit den Überwindern, im Land Immanuels belohnt.

Samuel Rutherford erreichte durch viel Drangsal Immanuels Land. Charles Spurgeon durfte nach seinem beschwerlichen Weg auf Erden in die Herrlichkeit eingehen und dort in Immanuels Land seinen himmlischen König sehen! Und auch du, liebe Seele, bist auf der Pilgerschaft nach Immanuels Land. Die Sanduhr der Weltenzeit läuft ab, und auch die Sanduhr deines Lebens wird ablaufen.

Die folgende Übersetzung des englischen Liedtexts ist keine exakt wortgetreue Übersetzung, jedoch eine gelungene Übertragung, die sich dichterische Freiheit zunutze gemacht hat.

1 Der Zeiten Sanduhr am Verrinnen,
doch Morgenröte zieht herauf,
und mein beständig seufzend Sinnen,
dass Gottes Tag nimmt seinen Lauf.
Die Mitternacht mit düstrem Schauer
muss weichen nun der Sonne Schein,
und Herrlichkeit auf ewig Dauer,
dem Land Immanuels wird sein.

2 Des Königs heilig Glanz und Prangen,
jetzt völlig unverhüllt im Licht,
der Lebensreise Not vergangen,
ob seinem leuchtend Angesicht.
Das Lamm mit allen seinen Kindern
auf Zions Berg beständig wohnt,
und Herrlichkeit den Überwindern,
im Land Immanuels belohnt.

3 Christus darin als Born zu loben,
der hier schon meinen Durst gestillt,
doch wenn der Erde ich enthoben,
als Brunnen noch viel süßer quillt.
Da wird aus einer stillen Quelle,
ein Gnadenmeer so tief und weit,
der Herrlichkeit in jeder Welle,
im Land Immanuels bereit.

4 Die Braut in schönster Samt und Seide,
sieht dennoch nicht sich selber an,
denn ihre ganze Augenweide
ist der, der jetzt ihr Ehemann.
Schaut nicht ihr Haupt mit Diademen,
als nur seine durchbohrte Hand,
es will den Blick gefangen nehmen Emmanuel in seinem Land.