Erzählungen

"Und ihr sollt sie eure Kinder lehren, indem ihr davon redet, wenn du in deinem Haus sitzt oder auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst." 5. Mose 11,19

Erschienen: 2026
Autor: Kristina Roy
118 Seiten
Taschenbuch, E-Book
ISBN: 978-3-910764-26-2

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In der Verbannung - Gnade findet einen Weg

Anna Somora hat sich zum lebendigen Glauben an Jesus Christus bekannt. Zu Hause hält man das für eine Verirrung, die sich auswachsen wird. Ihre Bücher hat man ihr weggenommen und verbrannt. Eine gute Heirat hat sie selbst ausgeschlagen, weil sie einem Mann ohne Glauben nicht die Hand geben wollte.

Also schreibt die Mutter an die Großmutter im entlegenen Zarožie: Nehmt sie ein halbes Jahr zu euch, dann wird sie den neuen Glauben vergessen.

An einem Herbstabend kommt Anna über die Holzbrücke ins Tal. Neunzehn Jahre alt, ein Bündel, eine Bibel. Hinauf zur oberen Mühle, die die Gemeinde einst auf eigene Kosten kaufte und für die sich kein Pächter länger als ein paar Monate halten ließ.

Zwei Männer, die einander näherstehen als Meister und Geselle

Der Müller Kozima hilft jedem im Tal. Er schlichtet Streit, baut dem Dorf einen Dörrofen, nimmt kranke Bettler bei sich auf und leitet in der Flutnacht das Wasser über die eigenen Wiesen, um die Häuser zu retten. Er hält Jesus für den besten Menschen, der je gelebt hat – und für nicht mehr als das. Ein Auferstandener kommt in seinem Denken nicht vor.

Sein Geselle Ondrej spricht kein Wort. Er misst den Ofenbau aus wie ein studierter Ingenieur, er sitzt stundenlang über dem Wehr und liest. In seinem Schrank hängt eine Uniform. In seinem Kopf steht der Name eines Toten, und für diese Schuld gibt es keine Wiedergutmachung, weil Tote nicht zurückkommen.

Anna beginnt nicht zu predigen. Sie beginnt zu arbeiten.

Sie näht, sie kocht, sie macht das Bett einer Frau, zu der seit Jahren niemand mehr geht, weil im Dorf jeder weiß, was sie war. In der Nacht, in der der Bach über die Ufer tritt, findet diese Frau zum Heiland.

Von dort geht es weiter, still und ohne Aufhebens: eine Bäuerin, die mitten in der Nacht ihre Söhne weckt und um Vergebung bittet. Fünf Frauen, die sich am Karfreitag in einer Waldhütte über der Schrift versammeln. Ein Dorf, in dem Menschen anfangen, nachts wach zu liegen.

Und am Ende zwei Männer, die begreifen, dass ein toter Christus für die Stunden nicht ausreicht, in denen es wirklich darauf ankommt.

Zum Buch

Kristina Roy (1860–1936) stammte aus Stará Turá in der Slowakei. Gemeinsam mit ihrer Schwester Maria gründete sie dort das Blaue Kreuz und ein diakonisches Zentrum; ihre Bücher wurden in 36 Sprachen übersetzt und haben Generationen von Gläubigen begleitet.

„In der Verbannung" erschien 1922 im Verlag von Theodor Urban in Striegau, übersetzt von Maria Roy. Diese Ausgabe folgt jener Übersetzung und wurde von Werner Mücher und Gabriele Naujoks sprachlich behutsam durchgesehen – so weit, dass heutige Leser nicht stolpern, und so wenig, dass der Ton der Vorlage erhalten bleibt.

Mit 118 Seiten ist das Buch an einem Abend zu lesen. Es eignet sich zum Vorlesen in der Familie und lässt sich weitergeben, ohne jemanden zu bedrängen: Die Erzählung stellt niemanden zur Rede, sie zeigt einfach, was geschieht, wenn ein Mensch anfängt, Christus ernst zu nehmen.

Für wen das Buch geeignet ist
  • Für Leser, die Erzählungen suchen, in denen Glaube nicht behauptet, sondern gelebt wird
  • Für Familien, die abends gemeinsam lesen
  • Für alle, die jemanden kennen, dem sein Glaube etwas gekostet hat
  • Als evangelistisches Geschenk, das Werke und Gnade klar unterscheidet
  • Für Freunde klassischer Erweckungsliteratur, die im Handel kaum noch zu finden ist
Inhaltsübersicht

12 Kapitel auf 118 Seiten.

Reingelesen: Der Anfang von Kapitel 1

Zarožie war zwar kein großes, aber doch ein ansehnliches Dorf. Zwischen Wäldern und Hügeln eingebettet, hatte es mehrere Bäche und Mühlen, in die man von weit und breit her das Korn zum Mahlen brachte. Die Bevölkerung war fleißig: Die Männer trieben neben Landwirtschaft auch Wagnerei; sie bauten Hanf und Flachs an und die Frauen webten daraus sehr geschickt Leinwand. Die Gemeinde war wohlhabend, aber sie hatte eine große Sorge mit der oberen Mühle. Diese Mühle war nämlich vor längerer Zeit auf Gemeindekosten gekauft worden und nun konnte man keinen Pächter für sie finden. Nicht dass es an Wasser gefehlt hätte, nein, es rauschte Sommer und Winter an der Mühle vorbei, aber – es spukte dort und jeder Pächter ergriff schon nach kurzer Zeit die Flucht.
Wie groß war daher die Freude der Gemeinde, als unerwartet ein Fremder kam, der die Mühle nach kurzer Besichtigung kaufte. Am ersten Tag seiner Anwesenheit brach im Ort ein großes Feuer aus, dem wohl das halbe Dorf zum Opfer gefallen wäre, wenn der neue Müller nicht mit gutem Rat und mit tatkräftiger Hilfe eingesprungen wäre. Mit dieser Tat hatte der Fremde die Herzen der Bevölkerung gewonnen. Sie überschüttete ihn förmlich mit Korn zum Mahlen, umso mehr als gerade die übrigen Mühlen wegen Mangel an Wasser stillstanden. Er konnte die Arbeit kaum bewältigen, obwohl er einen Gesellen
mitgebracht und auch gleich zwei Lehrlinge eingestellt hatte.
Der Müllergeselle war ein hübscher, junger Mann, aber er war stumm; reden konnte man also nicht mit ihm. Dass er seinen Meister aber sehr verehrte und ihm alles zuliebe tat, konnte jeder bald merken.
Der Müller mochte etwa vierzig Jahre alt sein, er hatte einen leichten Schritt und fast eine soldatische Haltung. Haar und Bart trug er ebenfalls nach Soldatenart und das grobe Müllergewand passte seiner starken, kräftigen Gestalt wie angegossen. Viel reden konnte man nicht mit ihm, dagegen hatte er eine eigene Art, zuzuhören. Sie drängte die Leute förmlich dazu, ihm alle ihre Nöte und Schwierigkeiten anzuvertrauen. Sein Rat war immer gut. Er nannte sich Kozima (lies Kosima) und der Geselle hieß
Ondrej (Andreas).
***
Am unteren Ende des Dorfes wohnte eine alte Frau, die Witwe des ehemaligen Hilfslehrers Somora. Dieser Frau bot Kozima in seiner Mühle die Stelle der Wirtschafterin an. In jungen Jahren hatte Frau Somora in der Stadt als Hauswirtschafterin gearbeitet und daher verstand sie sich gründlich auf das Kochen und Haushalten. Da ihre Kinder bereits verheiratet oder schon verstorben waren und sie ganz allein wohnte, kam ihr das Angebot Kozimas ganz gelegen. Nur die Spukgeschichte beunruhigte sie. Allerdings vergingen Wochen, ohne dass die Geister etwas von sich hören ließen.
Bei Kozima fühlte sich die alte Frau sehr wohl und sie war mit allem zufrieden. Eins schien ihr allerdings sonderbar: Der Müller ging nämlich mit seinem Gesellen wie mit einem Sohn um. Die beiden bewohnten gemeinsam ein Zimmer, hatten dort aber jeder seinen eigenen Schrank. Oft sah Frau Somora, wie sie sich durch die Fingersprache unterhielten; sie konnte das jedoch leider nicht verstehen.
Der stumme Ondrej tat ihr recht leid, denn er war ein tüchtiger und fleißiger Arbeiter. Wenn es aber keine Arbeit gab, konnte er oft stundenlang auf dem Felsen oberhalb der Mühle sitzen, wo er in das brausende Wehr hinabstarrte oder auch ein Buch las. Es war aber weder ein Gebetbuch noch ein Predigtbuch; so etwas gab es bei Kozima nicht. Trotzdem konnte Frau Somora nicht sagen, dass Kozima ein gottloser Mensch gewesen
wäre. Nie hörte man ein böses Wort von seinen Lippen, und wo es nur möglich war, da half er überall und jedem. Im Hintergebäude der Mühle war eine dunkle Kammer; die
ließ Kozima reinigen und Ondrej zimmerte Dielen und ein Fenster hinein. Man stellte ein Bett mit frischem Stroh auf, bedeckte es mit reinem Leinen und einer grobwollenen Soldatendecke, dazu kamen noch ein Tisch und ein Stuhl; und wenn ein Wanderer oder Bettler um Obdach bat, so ließ man ihn dort schlafen.
Einmal kam ein kranker Bettler und lag fast über eine Woche in der Kammer. Ondrej kochte ihm verschiedene Kräuter und pflegte den Mann gesund. Als der Arme wieder fortging, konnte er kaum Worte finden, um für alle erfahrene Liebe zu danken.
Bald nach seiner Ankunft baute Kozima ein Häuschen und stellte darin eine Leinwandmangel5 auf. Dann machte er bekannt, dass die Frauen ihre Leinwand nicht mehr so weit fortzutragen brauchten. Die Bewohner von Zarožie freuten sich sehr darüber. Denn bei Kozima bezahlten sie weniger als anderswo und man hatte die Mangel ganz nahe bei der Hand.
Eines Abends – der Herbst hatte gerade begonnen – saßen Meister und Geselle lange Zeit zusammen und sprachen miteinander. Die Folge davon war, dass der Müller am nächsten Tag den Leuten, die Korn brachten, mitteilte, dass er einen Ofen zum Obstdörren bauen wollte. Sie hätten ja hier reichlich Obst und auch Holz. Es wäre besser, wenn man das Obst trocknete, als es halb umsonst vom Baum zu verkaufen. Die wohlhabenden Besitzer wunderten sich, dass ihnen dieser gute Gedanke nie gekommen war. Sie riefen einen tüchtigen Ofenbauer, halfen fleißig beim Bauen mit und lobten Kozimas Gesellen, weil er beim Bau alles – wie ein ausgebildeter Ingenieur – ausgemessen hatte.

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